10 Winzergenerationen seit 1675

Von Dieter Pieroth aus „Wo aber der Wein fehlt, stirbt der Reiz des Lebens – Aspekte des Kulturguts Wein" (Herausgegeben von Heinz Decker, Helmut König, Wolfgang Zwickel)

Wie viele Geschichten in Deutschland fängt auch die Geschichte der Winzerfamilie Pieroth mit dem Dreißigjährigen Krieg an. Dieser Krieg wurde mit einer unfassbaren Grausamkeit geführt, sodass er für Jahrhunderte im Gedächtnis der Menschen blieb. Die Folgen des Krieges waren besonders für die Bevölkerung katastrophal. Es waren nicht nur die Kämpfe, sondern insbesondere deren Folgen wie Plünderungen, Überfälle, Folterungen, Vergewaltigungen, Brandschatzungen, Hungersnöte und Seuchen, die großes Elend über die Menschen brachten. In Teilen Süddeutschlands wie der Pfalz überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung. Nach den wirtschaftlichen und sozialen Verheerungen benötigten einige vom Krieg betroffene Territorien mehr als ein Jahrhundert, um sich von den Folgen zu erholen.

Was machten die deutschen Landesherren in dieser Situation? Sie holten Menschen aus anderen Ländern in ihre Gebiete, um die verwaisten Dörfer und Gehöfte wieder zu besiedeln. Die meisten Einwanderer in Südwestdeutschland kamen aus der damals überbevölkerten Schweiz und dem Vorarlberg.

Die Anfänge: Die ersten Pieroths in Deutschland

So kam auch die Familie Pieroth um 1650 in den vorderen Hunsrück, genauer nach Stromberg. Meine Familie stammt aus der Gegend von Liège (Lüttich)und war ursprünglich in der Hüttenindustrie tätig. In dieser Zeit kamen viele Familien aus der Wallonie im Süden Belgiens. Namen wie Dilly, Dupont, Delseith, Wilwert usw. weisen noch heute auf die Herkunft aus diesem Raum hin. Damals war der Hunsrück noch reich an Erzvorkommen und hatte eine bedeutende Hüttenindustrie. Namen wie Rheinböllerhütte und Stromberger Neuhütte, Gründungen von Jean Mariot aus Belgien (besser: aus den Spanischen Niederlanden), weisen heute noch darauf hin. Als Mariot 1649 die Stromberger Hütte gekauft hatte, warb er zahlreiche Fachkräfte aus seiner Heimat an. Zu ihrer Unterbringung erwarb er viele, meist leer stehende Bauernhöfe der Umgebung unter der Auflage, dass sie weiterhin ihrem landwirtschaftlichen Zweck dienen müssten.

In unserer Familie wurde lange Zeit die Meinung vertreten, wir würden aus Frankreich stammen, wären Hugenotten gewesen und hatten aus religiösen Gründen flüchten müssen. Eine reizvolle Idee, die wir gerne immer wieder hochhielten. Das passte zu dieser Zeit des 17. Jhs., als viele Hugenotten sich eine neue Heimat suchten. Aber nur wenige von ihnen kamen in die linksrheinische Pfalz und v. a. die Konfession stimmte nicht. Die Familie Pieroth war und ist katholisch – und damit eben nicht hugenottisch. Erst Forschungen in der Familiengeschichte zeigten, dass wir aus dem Fürstbistum Lüttich stammen.

Geschichte

1592

Der älteste Beleg in Deutschland für den Namen Pieroth, noch in der Schreibweise „Pirott“, findet sich 1592 in Frankenthal/Pfalz. Außerdem gab es 1643 einen Johann Pieroth als Bürger und Grundeigentümer in Gemünden/Hunsrück. Beide gehören aber nicht zur Linie der Pieroths von Burg Layen. Schreibweisen unseres Familiennamens waren Pieroth, Bieroth, Pierot, Pyroth, Bérot, Birod und andere mehr. Heute findet man fast nur noch die Variante Pieroth, aber auch andere Namensvarianten haben sich noch erhalten. Der Name Pieroth mit seinen Modifikationen ist in Deutschland am häufigsten im Bereich Hunsrück/Nahe mit einer deutlichen Konzentration auf Stromberg und seine Umgebung vertreten. Es ist zu vermuten, dass nicht alle Pieroth in Deutschland von einem einzigen Vorfahren abstammen, sondern dass es ab dem 16. Jh. verschiedene Einwanderungen von Trägern dieses Namens nach Deutschland gab.

Bei dem Familiennamen Pieroth handelt es sich um ein sog. Patronym, d. h. der Rufname des Vaters wurde als Familienname auf den Sohn übertragen. Hier liegt wahrscheinlich die französische Variante Pierre und dessen Verkleinerungsform Pierrot für den Rufnamen Peter vor.

Geschichte

1675 - Die Anfänge der Weinbauernfamilie Pieroth

Obwohl die ältesten Belege für unseren Namen in Deutschland nicht sicher mit meinem Familiennamen verbunden werden können, reicht unsere Ahnengalerie weit zurück. Die erste urkundliche Erwähnung eines Pieroth aus unserer Ahnenlinie stammt aus dem Jahr 1675. Heinrich Pieroth aus Stromberg war damals einer der Wahlmänner für die Wahl des Oberbürgermeisters von Stromberg. Acht Jahre später wird dieser Heinrich selbst Oberbürgermeister von Stromberg und hat dieses Amt bis 1698 inne. Für 1683 findet sich auch ein „Schätzungsprotokoll“ aus Stromberg, in dem das Vermögen von Heinrich mit 645 Gulden für Häuser, Vieh und „Hanthierung“ (Geschäfte) angegeben wird.

Geschichte

1704

1704 wurde zum ersten Mal der Stromberger Bürger Heinrich Jacob Pieroth, vermutlich der Sohn des oben erwähnten Heinrich, im „Morgenbuch“ von Schöneberg (5 km von Stromberg entfernt) als Besitzer von Weinbergen erwähnt. Demnach konnten wir im Jahr 2014 das 310. Jubiläum der Weinbergbesitzerfamilie Pieroth feiern. Am 18. Februar 1729 wurde in Schöneberg sein gleichnamiger Sohn getauft. Er ist der erste Pieroth, der urkundlich nachweisbar als Hofmann (altdeutsche Bezeichnung für den Pächter eines Gehöfts) des Freiherrn von Weyern in Burg Layen (heute zur Ortschaft Rümmelsheim im Landkreis Bad Kreuznach gehörig) auftaucht. 1754 heiratete er Anna Delseith, die Tochter des damaligen Hofmannes, und übernahm 1756 das Hofgut als Pächter. Einige Jahre später steht in einer anderen Urkunde als sein Beruf „Hofmann und Winzer“.

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1762

Sein Bruder Andreas verpfändete 1762 seine Güter in Dörrebach für 300 Gulden, um mit dieser Kaution die Hofpacht in Burg Layen zu übernehmen. In den folgenden Jahren kaufte er in Rümmelsheim und Umgebung zahlreiche Grundstücke und Einrichtungen wie z. B. eine Kelter. Dessen Sohn Johann Heinrich I. wurde nach dem Tod seines Vaters ebenfalls Hofmann in Burg Layen. Auch er kaufte weitere Äcker und Weinberge hinzu. Als die Burg Layen auf den Reichsgraf von Bretzenheim überging, hätte Johann Heinrich I. beinahe seine Pacht verloren. Bürger aus Dorsheim boten 10 Malter Korn (Malter = Hohlmaß für Getreide mit jeweils lokalen Unterschieden bezüglich der Menge) mehr. Pieroth legte daraufhin nochmals einen Gulden an Pacht hinzu, wenn er das Gut für zwölf statt für sechs Jahre bekäme. Eine Urkunde des Staatsarchivs Koblenz hat dies festgehalten: „Bei Bewerbung des Burgleyer Hofgutes und Ausfertigung des ersten Bestandsbrief ist schon der Pfacht gegenüber vorhin erhöhet worden. Der ehemalige Beständer Piroth ist ein rechtschaffender Mann, der seine Prästanda immer wohl und richtig abgerechnet hat, benebst diesem noch insbesondere das Gut in gutem Bau- und Besserungszustande unterhaltet, offeriert auch einen weiteren Geldpfacht von jährlich 2 Gulden und 3 Malter Speltz, auch übernimmt der selbe weiters die herrschaftlichen Weine von Rümmelsheim und Leyhen ohne entgeltlich im Herbst zur Kelter nach Bretzenheim zu verführen, wobei dem Herrn Reichsgrafen auch noch besonderen Vorteil zufließet, zu weiterem will er sich aber nicht verstehen und lieber das Gut verlassen. Es scheinet also, dass die Pfacht dem Gut würklich angemessen.“ Angesichts des erhöhten Angebots wurde dem Beständer Piroth die Pacht verlängert. Doch dann fielen die linksrheinischen Gebiete 1798 an Frankreich und wurden Teil des Departements De-Rhin-et-Moselle. Nach der Säkularisierung und der Mediatisierung unter Napoleon konnte Johann Heinrich II. Pieroth im Jahre 1810 für 24.100 französische Francs das Hofgut in Burg Layen kaufen, das in der Kaufurkunde wie folgt beschrieben wird: „une ferme ayant maison et depend. et de terre et de pré et de bois“ („ein Gut mit Haus, Scheune, Acker, Wiesen und Wald“).

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1870

Die nächste Generation der Weinbaufamilie Pieroth: Mein Urgroßvater Nicolaus Pieroth (1823–1914) vergrößerte durch den Ankauf von Ackerland und insbesondere von Weinbergen das Familiengut erheblich. Allein elf Kauf- und Steigerungsurkunden sind als Kopien in unserem Archiv und in jeder Urkunde geht es um mehrere Grundstücke. Nicolaus erkannte, dass mit Weinbau mehr zu verdienen war als mit Ackerbau und legte daher den Schwerpunkt seiner Aktivitäten darauf. Ab 1870 kaufte er nur noch Weinberge hinzu. In seinem Testament vom 25. Mai 1887 wurde er auch als Gutsbesitzer bezeichnet. Das Testament bestand nur aus einer Seite und besagte, dass er seiner Ehefrau den gesamten Besitz vermachte.

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1906

Sein Sohn Ferdinand Pieroth (1869–1947), der nach dem Tod seiner Mutter das Gut erbte, konnte es weiter vergrößern. Er wurde zum Namensgeber des Weingutes und damit auch des späteren Unternehmens Weingut Weinkellerei Ferd. Pieroth. In seinem Tagebuch finden sich einige wichtige Informationen für unsere Familiengeschichte: „Unser lieber Vater Nicolaus, Urenkel von Andreas, ist geboren zu Burg Layen am 12. August 1823. Er genügte seiner Militärpflicht beim Infanterieregiment No. 40 in Mainz von 1843 bis 1846. Unsere lieben Eltern ehelichten sich am 15. Juli 1855. Wir waren sieben Brüder: Jacob geb. 28.May 1856. Im Jahre 1882 ging derselbs nach London und heiratete dorte eine geb. Vellenzer und lernte dort das Bäckergeschäft. Philipp Pieroth geb. 7. August 1858. Derselbe heiratete im September 1888 eine geborene Kersch in Niederthälerhof. Joh. Pieroth geb. 20.Oktober 1859, Militär gedient in Trier 10 Wochen, Metz 4 Wochen. Franz Heinrich geb. 18. März 1864, gestorben 28. März 1869. Ich wurde geboren am 18. Oktober 1869. Ich genügte meiner Militärpflicht in Koblenz von 89 bis 92 beim 4. Garde Grenadierregiment“. Einige Bemerkungen finde ich besonders interessant. Für mich als einem Ungedienten spielt der Militärdienst bei meinen Vorfahren eine überraschend große Rolle und wurde bei allen erwähnt. Der älteste Sohn wanderte nach England aus. Er hieß in der Familie „Jacob der Engländer“: Das passt sehr gut zur späteren Geschichte des Unternehmens, das sehr früh ins Ausland expandierte. Der Enkel des oben erwähnten Philipp (geboren 1858) hieß Ferdinand, ein Neffe des Burg Layer Ferdinand, und war kinderlos. Er litt an einer Depression, wirtschaftete das Gut in Schloßböckelheim finanziell herunter und verstarb 1958. Der Burg Layer Zweig der Familie kaufte das Gut und sorgte für die Witwe.

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1911

Im Weiteren schreibt Ferdinand in den Tagebüchern viel über den Weinbau, „weil er unser Haupterwerbszweig ist“. Jede Ernte wird qualitativ und quantitativ mit den dann zu erzielenden Preisen erwähnt. „Im Jahr 1911 war die Weinernte grandios. Erst vor einigen Monaten kam ich in den Genuss, an einer 1911er Trockenbeerenauslese nippen zu dürfen.“

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1926

Am 10. November 1914 wurde Ferdinand Pieroth mit 45 Jahren als Soldat für den Ersten Weltkrieg eingezogen und im April 1918 entlassen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beschleunigte sich die Entwicklung des Weinguts. 1925 erfolgten der Umbau und die Erweiterung des Stammhauses in Burg Layen, der 1731 erbauten ehemaligen Zehntscheuer. Ferdinand Pieroth hatte sich entschlossen, sicher auch unter dem Einfluss seiner drei Söhne, den Wein nicht nur im Fass an den Handel zu verkaufen, sondern ab 1926 einen Teil der Ernte in Flaschen abzufüllen und direkt an private Kunden zu verkaufen. Die erste Weinsendung ging nach Duisburg. 1928 wurden Ackerbau und Viehzucht sukzessiv aufgegeben. Ab ca. 1930 waren Weinbau und Weinhandel die einzigen Erwerbszweige der Familie.

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1936

Die Gründung der Pieroth OHG: Die Söhne von Ferdinand Pieroth, Johannes (1901–1966), Philipp (1906–1977) und Kuno sen. Pieroth (1912–1981), leiteten den Ausbau des Handels ein. 1936 wurde die Pieroth OHG gegründet. Johannes kümmerte sich um das Weingut, Philipp organisierte den Vertrieb, und mein Vater Kuno sen. war der Kaufmann unter den drei Brüdern. Philipp war ein Verkaufsgenie. Er schuf Werbebriefe für das Weingut, um deren Originalität ihn jeder heutige „creative director“ beneiden würde. Die meisten Kunden kamen damals aus den Gebieten, die nach dem Zweiten Weltkrieg sowjetisch besetzt wurden oder zu Polengehörten.

Schon vor dem Krieg besuchten die Brüder ihre Kunden. Mein Vater erzählte mir, dass er in Berlin immer im Gasthaus Aschinger aß, weil man dort zu einem Teller Suppe so viel Brot nehmen konnte, wie man wollte.

Auch Philipp führte ein Tagebuch. Über die enorme Expansion dieser Zeit schrieb er: „Für meinen Vater war es eine schreckliche Zeit, denn er sah den Ruin schon auf uns zukommen. Es war nämlich alles so in Bewegung gekommen auf unserem Gutshof, dass der alte Mann gar nicht mehr folgen konnte.“ 20 Jahre später ging es den drei Senioren ebenso, als Elmar und Kuno jun. die nächste Entwicklungsstufe einleiteten.

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1941

Zu jeder Firmengeschichte gehört heute ein Kapitel über die Zeit von 1933 bis 1945. Leider kann ich nicht viel anbieten. In den Tagebüchern 1933–1941 von Victor Klemperer „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ fand ich im Eintrag zum 16. Dezember 1934 folgendes Zitat: „Die ewigen Weinofferten sind selten mit ‚Heil Hitler‘ unterzeichnet, meist ‚mit deutschem Gruß‘. Das ist eine diskrete Art, die deutschnationale Gesinnung anzudeuten, die sie bei ihren Kunden, Professoren und höheren Beamten, voraussetzen. Am 7. Dezember war eine Offerte der ‚Ferd. Pieroth’schen Weingutsverwaltung Burg Layen bei Bingen am Rhein‘ unterschrieben: ‚mit freundlicher Empfehlung, ergebenst‘. Das ist eine Heldentat und eine erste Schwalbe.“ Ich war stolz, als ich das las – immerhin eine Heldentat. Meine Vorfahren waren aber leider keine Helden. Mein Vater erzählte mir, dass er und seine älteren Brüder irgendwann in die NSDAP eingetreten seien, weil es nützlich war. Aber mir ist nicht bekannt, dass der Nationalsozialismus in meiner Familie Sympathien besaß. Ich vermute, der Katholizismus hat sie auf eine bestimmte Art immunisiert.

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1949

Nach Kriegsende wurde der Weinverkauf fortgesetzt. Die Hauptabsatzgebiete der Vorkriegszeit waren nun aber verloren, ein Neuanfang nötig. 1949 begann der heutige Direktvertrieb mit der Gründung von Auslieferungslagern in Westdeutschland. Philipp schrieb dazu: „Als ich wieder meine ersten persönlichen Verkaufsversuche machte, stellte ich fest, dass die Leute zum Einlagern von Wein überhaupt keinen Platz mehr hatten.“ Diese Auslieferungslager waren Verkaufsbüros, die die Waren einlagerten und auch auslieferten. Bald reichten die eigenen Weine nicht mehr aus, um die Kunden zu beliefern. Die Familie pachtete daher ein Weingut in Carden an der Mosel. Später wurden Weine zugekauft. Das Konzept blieb aber die Kombination von Werbebrief, Bestellungen, Telefon und Auslieferung.

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1953

Der nächste Schritt: der internationale Weindirektvertrieb: Im Jahre 1953 legten Philipps Söhne Elmar (* 1934) und Kuno jun. (* 1937) Pieroth mit der Idee der persönlichen und unverbindlichen Weinprobe beim Kunden den Grundstein für den internationalen Wein-Direktvertrieb. Im Zentrum des Systems stand die Weinprobe im Haus des Kunden. 1954 wurde in den 25 Auslieferungslagern in Deutschland bei einem durchschnittlichen Flaschenpreis von 3,15 DM ein Umsatz von ca. 2 Mio. DM erreicht.
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1958

Dann ging es Schlag auf Schlag. 1958 waren die ersten Testverkäufe in England erfolgreich, 1960 wurde in London die erste ausländische Tochterfirma gegründet. 1961 führte Elmar in New York die ersten Testverkäufe durch, 1962 wurden in Burg Layen ein neuer Verwaltungsbau und eine neue Kellerei errichtet.

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1965

1965 wurde die OHG in die Pieroth GmbH umgewandelt, 1969 gründeten wir die erste Überseetochter in Japan, weitere folgten 1971 in Australien und 1972 in den USA. 1972 hatte der Umsatz 100 Mio. DM erreicht; das waren 70% Steigerung zum Vorjahr. 1974 wurde die Kellerei in Langenlonsheim errichtet. In diesem Jahr hatte das Unternehmen einen Jahresumsatz von 214 Mio. DM, davon knapp 10% außerhalb Deutschlands, mit insgesamt 650.000 Kunden und über 2.000 Mitarbeitern. Das Stammkapital der GmbH stieg von 4 Mio. DM (1971) auf 25,5 Mio. DM (1974). 1979 wurde ein Umsatz von 500 Mio. DM weltweit erzielt.

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1985

Der Glykolskandal: Im Sommer 1985 meldete Radio Bremen, Frostschutzmittel seien im Wein gefunden worden. Ich reagierte auf diese Neuigkeiten zunächst eher etwas belustigt und hatte keine Vorstellung, was sich aus dieser Meldung entwickeln würde. Was war passiert? Vermutlich seit Anfang der 70er-Jahre wurden in Österreich durch den unerlaubten Zusatz von Zucker zur Alkoholerhöhung und von nicht gesundheitsschädlichem Diethylenglycol (DEG) zur Süßung und Geschmacksverstärkung aus kleinen Qualitätsweinen scheinbar hochwertige Prädikatsweine gepanscht. Die Lebensmittelkontrolle, die nun emsig alle Weine überprüfte, fand von Woche zu Woche immer mehr Weine aus unserer Kellerei, die DEG aufwiesen: zunächst nur österreichische Weine mit ca. 5 bis 15 g/l, aber später auch deutsche, französische und andere Weine, diese aber immer mit deutlich unter 1g/l. Der Verdacht kam auf, dass auch in unserer Kellerei systematisch die Weine mit Glycol verbessert wurden, was aber nicht geschehen ist.

Leider gab es eine Ausnahme: Ein Mitarbeiter hat acht Weine aus unserem Weingut mit einer Gesamtmenge von 5.000 l mit österreichischen Prädikatsweinen verschnitten, um bei der Prämierung gut abzuschneiden. Alle erhielten Goldmedaillen, aber dieser Verschnitt war nicht erlaubt. Das war das Ende der Glaubwürdigkeit unseres Unternehmens.

Die anderen Weine, in denen Glycol gefunden wurde, wurden in unserer Kellerei in Langenlonsheim abgefüllt; ungefähr 12% der dort abgefüllten Weine stammten aus Österreich. In unseren drei Füllanlagen wurden pro Tag etwa vier Partien abgefüllt. Da nach einer Füllpartie immer die nächste Charge kam, geriet österreichischer Wein systematisch in die folgenden Partien (Zwischenlauf, Fülltank). Dieses Verfahren war üblich, wurde in allen Großkellereien angewandt, war aber ein Verstoß gegen das Weingesetz. Die Staatsanwaltschaft ermittelte sechs Jahre gegen 25 Manager und Familienmitglieder wegen schweren Betrugs. In der Hauptverhandlung in Bad Kreuznach sprach der Richter alle Angeklagten frei.

Das Unternehmen tauschte in einer großen Aktion jeden betroffenen Wein gegen einen einwandfreien Wein um. Das kostete 80% des Eigenkapitals des Unternehmens, die Hälfte des Umsatzes und auch fast die Hälfte der Arbeitsplätze. Die Hausbanken finanzierten glücklicherweise das Unternehmen weiter, sodass es überleben konnte. Die Holding des Unternehmens wurde 1998 in WIV Wein International GmbH umbenannt und 2001 in eine AG umgewandelt, um leichter Mitarbeiteraktien ausgeben zu können.

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1990

Die Zeit seit der Wiedervereinigung Deutschlands: Durch die Wiedervereinigung 1990 und den Zusammenbruch der UdSSR entstanden neue Märkte. Das beschleunigte den Erholungsprozess sehr. 10 Jahre nach dem Glykolskandal wurden der frühere Umsatz und das frühere Eigenkapital wieder erreicht; die Banken entließen das Unternehmen aus der Sicherung. 2012 umfasste der Gesamtumsatz 540 Mio. € (netto). Die Familie war in dieser Zeit durch Dieter Pieroth (* 1949), Vetter von Elmar und Kuno jun., in der Geschäftsführung (Vorstand), und durch Elmar und Kuno jun. Pieroth im Aufsichtsrat vertreten.

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2015

Die Hälfte des Umsatzes geht auch heute noch auf den Direktvertrieb zurück, wie er in den 50er-Jahren entwickelt wurde. Aber auch neue Geschäftsfelder kamen hinzu. Gut 84 Mio. € erwirtschaftete die Tochterfirma MAC Messebau in Langenlonsheim. Sie hatte sich aus unserer Messeabteilung entwickelt, die für den Direktvertrieb die Stände auf den Verbrauchermessen organisierte, und ist heute das zweitgrößte Messebauunternehmen in Deutschland. Etwas über 13 Mio. € Umsatz erzielt der Einzelhandel, unsere Tochterfirma Vino, mit 17 Märkten in Deutschland. Damit steht Vino an vierter Stelle unter den Weinfachhändlern in Deutschland. Knapp 100 Mio. € Umsatz hat die Handelssparte, der Weinverkauf an Wiederverkäufer. Im Wesentlichen sind wir in Japan und Großbritannien vertreten, nur mit kleinen Umsätzen in den USA und Deutschland, in Japan unter Pieroth, in Großbritannien unter Hallgarten-Druitt. Seit sechs Jahren betreiben wir ein reines Internet-Weingeschäft unter dem Namen Naked Wines. Es startete 2009 in Großbritannien, wo wir heute schon eine gute Rendite erwirtschaften. Ende 2012 gingen wir nach Australien und kurz darauf in die USA. Wir sind sehr optimistisch, den Erfolg aus Großbritannien dort wiederholen zu können.

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2016

Das Unternehmen gehört heute zu über 98 % der Familie Pieroth, zwölf Aktionären aus zwei Generationen. Etwa 1 % halten die Mitarbeiter, einen kleinen Teil der Aktien hält das Unternehmen selbst. Der Aufsichtsrat besteht aus zwei Vertretern der Arbeitnehmer und vier Vertretern der Kapitalseite, exzellenten Fachleute außerhalb der Familie. Heute wird das Unternehmen von einem vierköpfigen Vorstand unter Leitung des Vorstandsvorsitzenden Andres Ruff geleitet. Der Einfluss der Familie ist über den Aufsichtsrat und einen Familienrat gesichert. Wir werden uns in 2016 eine Familiencharta geben, die u. a. besagt, dass die Familienmitglieder weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat die Mehrheit stellen sollen.

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Heute

Zu guter Letzt soll der Kreis dieser Geschichte geschlossen werden: In Burg Layen gibt es immer noch das Weingut Ferdinand Pieroth, je nach Beurteilung der Sachlage seit 1704, 1756 oder auch erst seit 1810 in Familienbesitz. Wir bewirtschaften 25 ha in den Gemeinden Rümmelsheim (Burg Layen), Dorsheim, Münster-Sarmsheim und Bingen (Bingerbrück). 50 % sind mit Riesling bestockt, 25 % mit weißen Burgundersorten, den Rest teilen sich andere Sorten. Das Weingut wird jetzt von Katharina Pieroth geleitet, der Ehefrau von Andreas Pieroth, die den Bachelor-Abschluss Internationale Weinwirtschaft an der Hochschule Geisenheim gemacht hat.

Die gegenwärtige Familie Pieroth wird auch ihre Geschichte schreiben, aber diese darzustellen, wird unseren Nachfahren überlassen bleiben. Wir blicken auf eine lange und abwechslungsreiche Geschichte zurück und wollen das Beste tun, damit der Name Pieroth auch in Zukunft auf dem Weinmarkt Gewicht hat.

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